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„Antifa heißt Luftangriff“ – Sekten unter sich

Es ist jedesmal spannend, manchmal amüsant, meistens aber nur dämlich und nervig, wenn die eine Sekte die andere disst und sich einen Scheiß um eine differenzierte Kritik bemüht und lieber eigene Glaubensmythen reproduziert. Das letzte Beispiel ist Susann Witt-Stahl, die in der merkwürdigen Zeitschrift Semit einen Text über „antideutsche“ Neocons und ihre vermeintlichen Glaubensinhalte veröffentlichte. Auf ihr Pamphlet gegen ihre imaginierten „Antideutschen“ bin ich durch die Reaktion in der Jungle World #5 gekommen.

Der Text ist in seiner stringenten Ignoranz, den ultimativen Zuschreibungen, die eine dogmatischen Wahrheits- und diskursiven Herrschaftsanspruch schwer erträglich. Nicht nur, daß die äußerst heterogene sogenannte „antideutsche“ Theorie zur neokonservativen, antikommunistischen und vor allem auch noch nazistischen verengt und diffamiert wird, es wird konsequent mit Zuschreibungen und Identifikationen gearbeitet, die nicht nachvollziehbar sind. Hinzu kommt eine enge Kategorisierung, die sich an emanzipatorischen Kategorien entlang hangelt und als einziges Ziel haben, den sogenannten „Antideutschen“ zu attestieren, daß sie nie links waren, es nicht sein werden und deshalb, weil sie ja auch mit Nazis zusammenarbeiten, wie solche behandelt werden sollen. Sie müssen nämlich angegriffen, attackiert, isoliert und zumindest verbal vernichtet werden.

Als Protagonist_innen der imaginierten antideuschen Verschwörung gegen die „Linke“ werden die sich selbst schon längst nicht mehr als Teil der emanzipatorischen Bewegung zählenden Reakteure, Autor_innen und Symphatisant_innen der Bahamas, Stephan Grigat, die Rosa Luxemburg Stiftung und die Partyzionist_innen der Jungle World exemplarisch herausgegriffen. Auch hier werden völlig ungeniert durchaus heftig umstrittene Diskurse vermischt, Weiterentwicklungen (oder sogar die neue Ablehnung gegenüber) der „anti-deutschen“ Theorie geglättet und nur die Spitzen herausgegriffen. Und die aggressive Isolierung und Distanzierung von den imaginierten antideutschen Inhalten kulminiert, wie nicht selten bei antiimperialistischen, stalinistischen, bolschewistischen und anderen totalitären Dogmatiker_innen in latenten Vernichtungsphantasien.

Die – von den meisten nicht intendierten, aber sich häufenden – Schulterschlüsse der „Antideutschen“ mit Rechten sind unweigerlich eine Konsequenz der inneren Logik ihrer Ideologie. Wer vorgibt, eine Wiederholung von Auschwitz durch neoimperialistische Machtentfaltung, Marktradikalismus, Kulturkampf, die Verherrlichung des Militärs der westlichen Welt und seiner Waffengewalt ausschließen zu können, hat Marx gegen Machiavelli eingetauscht. Wer Juden zwangszionisieren will und jene, die sich weigern, mit Kampfbegriffen wie „selbsthassende Juden“, „Antisemiten“ und „Verräter“ beleidigt, wird in den Armen von Daniela Weiss, Geert Wilders oder noch viel schlimmeren Gesellen aufwachen – wenn er aufwacht. Wer, wie die „Antideutschen“ es tun, den Antisemitismusbegriff bis zur Unkenntlichkeit inflationiert und damit der nach wie vor notwendigen Antisemitismuskritik ihrer Wirkmacht beraubt und die Opfergeschichte des jüdischen Kollektivs schamlos für die Legitimierung von Mord und Totschlag ausbeutet, hat auch nichts anderes verdient.

„Antideutsche“ haben also, um die Verschachtelung der bürgerlich-moralischen Predigerin Will-Stahl mal aufzulösen, „Mord und Totschlag“ verdient. Oder wie?

Das diese These für die Publizistin, (Anti-) Sektiererin, Sozialistin, Tierrechtlerin, Lehrende, von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Geförderte usw. nichts ungewöhnliches und im Grund nur die Konsequenz einer dogmatischen Kritik an Israelsolidarität, Antinationalismus und Theorieweiterentwicklung jenseits Marx’scher Kategorien ist, sollte nicht verwundern. Schließlich finden in ihr sämtliche Diskurse um Esoterik, (antimenschlicher) Tierrechtsethik, dogmatischem Wahrheitsanspruch, ein widerlicher Herrschafts- und Mschtfetisch zusammen, der nur danach sucht den „Anderen“ zu diffamieren. Koste es, was es wolle!

So kommt dann auch solch dämlicher Scheiß raus, wie ein Hinweis des Institut für Palästinakunde.

In der neuesten Ausgabe von SEMIT befasst sich Susann Witt-Stahl mit den ‚Antideutschen‘. Eine Gruppe die alle Charakteristika extrem rechter, totalitärer Polit- und Psychosekten – aufweist, und die auch auf manche ‚linke‘ – sich für progressiv und kritisch haltende – Zeitgenossen einen grossen Reiz ausübt.

Zu den Charakteristiken zählt der Glaube, einer kleinen, exklusiven intellektuellen Elite anzugehören; die Verehrung selbsternannter Priester bzw. Gurus, deren Fatwas über alle Kritik erhaben sind; die nicht hinterfragbare Anbetung von Idolen – wie etwa der Holocaust-Singularität, die weder verglichen noch historisch eingeordnet werden darf, sowie eine dogmatische Weltsicht, der zufolge alle Phänomene als Teil eines Kampfes zwischen dem absolut ‚Guten‘ (Israel, der israelischen Armee, den Antideutschen) und dem grenzenlos ‚Bösen‘ (allgegenwärtigen Antisemiten, Palästinensern, Muslimen und ‚Israelkritikern‘) zu deuten sind.

Aus dieser Gemengelage resultiert ein paranoider Verdacht, der sich nicht nur gegen andere – Kritiker und Abweichler => Antisemiten -, sondern auch gegen sich selber richtet. Ein Verdacht der allein dadurch entkräftet werden kann, dass das Mitglied der Sekte umso vehementer und unreflektierter an den Glaubensgrundsätzen festhält.

Frag ich mich nur, wer, wie, wann und am meisten glaubt, zuschreibt, und das „Andere“ zu definieren sucht… Dann schon lieber „Partyzionist_in“! Nämlich.

Eine Revolution, auf der mensch nicht tanzen kann, ist nicht meine Revolution! (Emma Goldmann)

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