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„Das ist unsere Resistenza!“

Es war gestern ein beeindruckender Abend, den die Berliner Initiative Mafia? Nein Danke! organsiert hat. Alle drei Gäste, die zum Thema „Journalistinnen unter Beschuß“ gesprochen haben, repräsentierten eine Facette im Kampf gegen das umfaßende Phänomen Mafia. Laura Garavini, als Politikerin, blieb auch bei merkwürdigen Nachfragen hartnäckig Politikerin und stellte Solidarität, die Dekonstruktion von kulturalistischen Klischees und die öffentliche Wahrnehmung kritischer Stimmen sowie Informationen über die Mafia ins Zentrum ihrer Ausführungen. Petra Reski relativierte nachdrücklich und (hoffentlich) erfolgreich offensiv die Mär‘ von der (süd-) italienischen Mafia. Am beeindruckendsten fand ich aber Francesca Viscone, die gleichzeitig als Journalistin, als Calabresi, als Aktivistin und vor allem als Mensch jeden Tag neu mit der Mafia und mit dem hegemonialen sozialen Konsens des Schweigens konfrontiert ist. Folgerichtig beginnt der Widerstand gegen die Mafia für sie im Alltag – also in jedem Dorf, jeder Stadt und jeder Region. Der Kampf gegen die Mafia, so erklärte sie, ist „unsere Resistenza“.

Normalerweise sprechen und schreiben die meisten, wenn es um Mafia und Journalist_innen geht, über Roberto Saviano, seine spektakulären Aktivitäten, die Bedrohung seines Lebens aber auch von seinem Erfolg. Auch gestern war er kurz Thema – allerdings erst auf Nachfrage aus dem Publikum. Und wieder war es Viscone, die den Abend mit ihrer Antwort zu einem besonderen machte. Sie betonte, daß Saviano im Gegensatz zu vielen anderen italienischen Journalist_innen im Rampenlicht steht. Er ist zwar auf der Flucht und wird, wie circa 7-8 Journalist_innen in Italien beschützt. Aber hunderte mutige Menschen, unbekannte und unsichtbare Journalist_innen werden tagtäglich bedroht und überleben trotzdem.

In ihrem einführenden Beitrag zum Thema hatte Viscone auf den Bericht „Sauerstoff für die Medien“ vom gewerkschaftlichen Ossigeno Informazione hingewiesen. Darin sind Bedrohungen und Repression gegen Einzelpersonen und ganze Redaktionen aufgeführt, die sich gegen die Mafia engagieren oder schlicht die Verbindungen zwischen Mafiosi, Politiker_innen, Staatsanwält_innen und Medien begleiten. So wurden in den vergangenen zwei Jahren 400 Journalist_innen massiv bedroht und eingeschüchtert. Zunehmend wird auch auf juristischem Wege gegen hartnäckige Einzelpersonen und Redaktionen vorgegangen. Zumeist in Zivilprozessen gibt es Verurteilungen zu hohen Schadenersatzzahlungen, welche existenzbedrohend wirken und die Berichterstattung massiv einschränken. Deshalb, so betonte Viscone in Bezug auf Saviano und seine journalistische Arbeit, ist es wichtig, über die Bedrohung zu reden. Die Mauer des Schweigens und der soziale Konsens zur Verharmlosung der Mafia muß gebrochen werden.

Roberto Saviano dagegen, der durch seine Mafia Abrechnung „Gomorrha“ und zahlreiche weitere Veröffentlichungen bekannt wurde, inszeniert in seinem neuesten Buch „Belleza e inferno“ Märtyrer-Legenden des Widerstandes, des freien kämpferischen Wortes – was bei ihm allerdings eher ästhetischen Wert hat – und strickt so vor allem an seinem eigenen Mythos. Er erzählt von starken und schönen Persönlichkeiten, die trotz Leid und Protest überleben. Sie schweigen nicht. Und müssen leiden. Im Zentrum der performativen Erzählung steht aber immer Saviano selbst. Er inszeniert den Mythos des schönen Widerstandes, als wahrhaft menschlich. Der Verbalperformer Saviano macht sich so selbst zur Legende. Er choreographiert nicht nur einen verbalen Tanz der Märtyrer für die Schönheit, sondern tanzt selbst sichtbar und die Atmosphärenwechsel organisierend den Solopart.

Viscone betont aber, daß der Widerstand gegen die Mafia und der Kampf für die Freiheit des Wortes eben keine Helden braucht. Sie ging gestern sogar so weit zu betonen, daß es keine Helden gäbe. Für eine_n Journalist_in ist es wichtig dort zu leben, worüber mensch schreibt. Die sogenannten Helden und Märtyrer im Anti-Mafia-Kampf wollten keine Helden sein. Sie machten einfach ihren Job. Paolo Borsellino war Staatsanwalt. Giuseppe „Peppino“ Impastato war Künstler und kommunistischer Aktivist. Die zahlreichen Journalist_innen, die bedroht, eingeschüchtert und zum Teil entlassen werden – schließlich hätten sie auch zu den Aktivitäten der Mafia schweigen können und sind deshalb selbst an den Bedrohungen Schuld – tun, was sie müssen. Sie schreiben und fügen zusammen. Das ist nicht heldenhaft, sondern mutig!

Neben dieser Klarstellung und Entmystifizierung des Kampfes gegen die Mafia, die nämlich durchaus auch den sozialen Konsens im Umgang mit der Mafia zementieren kann, waren Petra Reskis Ausführungen zur Naivität und journalistischen Unzulänglichkeiten gegenüber der Mafia in Deutschland. Zum einen betonte sie, daß Mafia weder ein süditalienisches Phänomen ist, wie es immer noch auch in Italien selbst wahrgenommen wird, sondern längst global beobachtet werden kann. Besonders erschreckend war, daß sie davon berichtete in Deutschland stärker gefährdet zu sein als in Italien. Sie wurde hier, mitten in der ostdeutschen Provinz subtil aber explizit bedroht. Das verharmlosende Geschwaffel der deutschen Sicherheitsbehörden und Politik oder auch die einschüchternde Reproduktion des Ndrangheta-Mythos durch deutsche Journalist_innen, die unkritisch und naiv mit Mafiosi sprechen (wie der Spiegel), muß deshalb aus mehreren Perspektiven attackiert werden.

Die Mafia und ihre Unternehm(ung)en sind selten spektakulär. Die Berichterstattung und der Umgang mit dem organisierten Verbrechen in Deutschland muß mit dem „turbantragenden Taliban“ konkurrieren. Der Pizzabäcker und (Edel-) Gastronom eignet sich weder politisch noch publizistisch zur „Gefährder_innen“-Figur. Schutzgeld und Geldwäsche läßt sich nicht medial bebildern. Die Gefahren sickern eher und tröpfeln, als das sie bombig einschlagen. Deshalb waren die sechs Toten von Düsseldorf, wie Reski beinah zynisch erzählt, ein Segen. Schließlich interessierten sich die deutschen Redaktionen plötzlich für die Ndrangheta. Die Mafia hatte nach Cosa Nostra und Camorra einen weiteren Namen erhalten. Die makabre Verbindung zwischen Mafia und Toten sowie der märtyrerhafte Kreuzigungsfetisch in Bezug auf deutsche Mafiarealitäten, sorgte allerdings nur für eine oberflächliche und relativ kurze Auseinandersetzung mit der Mafia in Deutschland.

Die Hinrichtungen in Düsseldorf bewiesen aber auch, daß die Mafia nicht singulär als Teil einer vermeintlich existierenden italienischen Mentalität, der italienischen Geschichte oder Kultur betrachtet werden kann, sondern als mafiöse Mentalität überall zu finden ist, wo es ihr erlaubt wird sich erst zu etablieren. So auch zum Beispiel in Thüringen und in öffentlich-rechtlichen Medien. Reski erzählte hierzu, daß ihr ein_e Mitarbeiter_in des MDR bei einer Veranstaltung stolz erzählte in San Luca gewesen zu sein und es genossen zu haben. San Luca ist die Ndrangheta-Stadt in Kalabrien. Der stolze Italienfan vom MDR war dort im Übrigen auf Einladung eines Erfurter (Nobel-) Gastronomen bei einer Hochzeit. Von wem die wohl gewesen sein muß… In jedem Fall relativierte besagte MDR-Mitarbeiter_in die Relevanz der Mafia in Deutschland und selbst in Italien.

Laura Garavini, die Abgeordnete für die Partito Democratico (PD) im italienischen Parlament ist, betonte in ihren Ausführungen vor allem die Öffentlichkeit. Sie hatte vor Jahren die Berliner Initiative Mafia? Nein Danke! mitbegründet. Ihr Engagement stützt sich darauf der Angst der Mutigen und der Isolation der Bedrohten ein solidarisches Netzwerk und Sichtbarkeit entgegen zu setzen. Ihr Anliegen ist es Schutzmaßnahmen von Journalist_innen zu etablieren. Sie erklärte, daß Information Freiheit und Demokratie braucht – keine verherrlichende Folklore oder schweigende Indifferenz. Außerdem betonte sie, daß gegen Angst, Paranoia und Isolation nur die öffentliche und politische Sensibilisierung sowie Solidarität hilft.

Und so finden die verschiedenen Perspektiven und Strategien im Kampf gegen die Mafia zusammen – das lokale Engagement, internationale Solidarität und Öffentlichkeit. Viscone betonte, daß die Mafia nur zum Mythos werden kann, wenn sie unterschätzt wird. Die Mafia ist alltäglich und kann auch nur im Alltag attackiert werden. Die Mafia nutzt alle Menschen und verwertet sie in ihrem eigenen System. Der Verwertung des Menschen muß, so Viscone gestern, Wahrhaftigkeit entgegengesetzt werden.

Alle drei Gäste machten die Zivilgesellschaft im Kampf gegen die Mafia stark. Viscone wünschte sich eine starke Bürger_innen-Bewegung, die sich zunehmend zu formieren scheint. Aber ohne, daß die bürgerliche Gesellschaft selbst, die kapitalistischen Verwertungs- und Funktionalisierungsmechanismen und patriachale Strukturen attackiert werden, bleibt der Kampf gegen die Mafia oberflächlich. Die Mafia ist Teil der bürgerlichen Mentalität und der kapitalistischen Gesellschaft. Der Kampf gegen die Mafia beginnt, wie Giovani Impastato im Oktober des vergangenen Jahres in einer anderen Veranstaltung von Mafia? Nein Danke! erklärte, im eigenen Kopf und muß als sozialer Kampf geführt werden. Der bürgerlich soziale Konsens des Schweigens und der Kollaboration muß durch eine soziale Revolution gebrochen werden. So wird aus dem Widerstand eine Anti-Mafia-Resistenza und aus den Aktivist_innen Antimafiasti!

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